Welt 05.06.2026
10:48 Uhr

„Beide Seiten sind schuld“ – 9-Minuten-Interview mit Dohnanyi sorgt für Empörung


SPD-Urgestein Klaus von Dohnanyi hat bei Maybrit Illner mit seinen Aussagen zum Ukraine-Krieg heftigen Widerspruch ausgelöst. Im Nachgang distanzieren sich die Studiogäste.

„Beide Seiten sind schuld“ – 9-Minuten-Interview mit Dohnanyi sorgt für Empörung

Genau 9 Minuten und 55 Sekunden bekam Klaus von Dohnanyi bei Maybrit Illner Zeit, seine Sicht auf den Krieg in der Ukraine darzulegen. Als das Interview mit dem früheren Hamburger Bürgermeister vorbei war, versuchte die Moderatorin zwar, die Debatte davon wegzulenken. Statt eines „Blickes zurück“ forderte sie im Anschluss die Sicherheitsexpertin Claudia Major eindringlich zu einem „Blick nach vorn“ auf. Doch diesen Gefallen tat ihr die Politikwissenschaftlerin ausdrücklich nicht. „Ich möchte trotzdem noch mal einen Satz zu dem Interview sagen“, entgegnete Major, und man sah ihr die Fassungslosigkeit regelrecht an. „Ich fand die Täter-Opfer-Umkehr wirklich irritierend.“ Die Darstellung Dohnanyis erinnere sie „so ein bisschen an die kurze-Rock-Theorie“ – also an die Vorstellung, ein Opfer trage selbst eine Mitschuld an dem, was ihm angetan wurde. Zudem seien die Aussagen Dohnanyis „historisch in weiten Teilen falsch“. Auslöser dieser Irritationen war ein eingespieltes Interview mit Dohnanyi, das vor der Sendung aufgezeichnet worden war. Der 97 Jahre alte Ex-SPD-Politiker hat gerade ein Buch mit dem Titel „Frieden – Wie geht das?“ veröffentlicht. Als Illner ihn danach fragte, wie Frieden zwischen Russland und der Ukraine möglich sei, beschäftigte sich Dohnanyi allerdings mehr mit der Schuldfrage. Sein Tenor: Die Ukraine und der Westen hätten mit dem Streben nach einer Nato-Mitgliedschaft Kiews zur Eskalation beigetragen. „Beide Seiten sind schuld an diesem Krieg“, diagnostizierte Dohnanyi spitz. Illner konfrontierte Dohnanyi mit dessen Aussage, dass die Ukraine „uns in diesem Krieg halten und in den Krieg hineinziehen“ solle. Ob sich das Land dann gleich hätte unterwerfen sollen, wollte die Moderatorin wissen. Zwar verneinte von Dohnanyi das, allerdings habe die Ukraine von Anfang an „eine klügere Politik“ machen müssen. Mehrfach verwies er auf amerikanische Sicherheitsexperten, die vor einer Nato-Perspektive für die Ukraine gewarnt hätten. Präsident Wolodymyr Selenskyj habe diese Warnungen jedoch bewusst ignoriert und halte bis heute am Ziel eines Nato-Beitritts fest. Deshalb sei es für Putin schwer, einen „vertrauensvollen Frieden“ zu schließen, argumentierte Dohnanyi. Dohnanyi: „Putin hat auf jeden Fall erreicht, dass die Ukraine nicht ungeschoren in die Nato kommen sollte“ Besonders häufig kam Dohnanyi auf die ukrainische Verfassung zu sprechen. Selenskyj habe es bis heute nicht geschafft, das Ziel einer Nato-Mitgliedschaft aus der Verfassung zu streichen. Diese Forderung gehört in der Tat zu den zentralen Punkten russischer Verhandlungspositionen. Moskau verlangt seit Jahren, dass die Ukraine ihre Nato-Ambitionen offiziell aufgibt und dauerhaft auf eine Mitgliedschaft verzichtet. Die Ukraine lehnt dies immer wieder ab. Einen raschen ukrainischen Nato-Beitritt hat das Militärbündnis immer wieder verweigert. Wenn Selenskyj Frieden wolle, dann solle er dieses Ziel „doch streichen aus der Verfassung. Da steht es immer noch drin“, forderte Dohnanyi und wurde zunehmend patziger, als Maybrit Illner seinen Thesen zu widersprechen versuchte. Als Illner einwarf, Selenskyj habe doch längst anerkannt, dass ein Nato-Beitritt derzeit nicht möglich sei, blieb Dohnanyi dennoch bei seiner Linie. Der ukrainische Präsident müsse das Ziel einer Nato-Mitgliedschaft aus der Verfassung streichen. Später legte er noch einmal nach: „Wäre die Ukraine nicht entschieden gewesen, in die Nato zu gehen, hätte nach meiner festen Überzeugung Putin auch keinen Krieg geführt“, sagte Dohnanyi – und verschränkte demonstrativ die Arme. Auch bei der Frage nach Putins Kriegszielen sorgte Dohnanyi für Irritationen. Illner hatte darauf hingewiesen, dass die Nato durch den Krieg doch womöglich größer und stärker geworden sei. Das wäre doch sicherlich nicht im Sinne des russischen Herrschers. „Er hat auf jeden Fall erreicht, dass die Ukraine nicht ungeschoren einschließlich der Krim (...) in die Nato kommen sollte“, sagte Dohnanyi über Putin. Dessen wichtigstes Ziel sei es gewesen, eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine zu verhindern. Eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine lehnte Dohnanyi kategorisch ab. Davon halte er „überhaupt nichts“. Die Europäische Union würde dadurch den Konflikt mit Russland importieren und könnte über die gegenseitigen Beistandsverpflichtungen selbst in den Krieg hineingezogen werden, argumentierte der SPD-Politiker. Statt eines EU- oder Nato-Beitritts sprach er sich aber zumindest für Sicherheitsgarantien und eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen aus. Kritik an „Maybrit Illner“: „Ex-perten bei Illner vergiften die Debatte mit russischen Narrativen“ Mehrfach versuchte Illner, der Argumentation gegenzuhalten. Sie verwies auf zahlreiche Friedensinitiativen Kiews, auf ukrainische Zugeständnisse in früheren Verhandlungen und auf die Einschätzung von Ex-Kanzler Olaf Scholz, wonach Putin diesen Krieg gewollt habe. Dohnanyi hielt dennoch an seiner Sicht fest. „Ich traue Olaf Scholz sein Urteil zu, aber ich habe mein eigenes Urteil.“ Auf die Frage, was Putin mit dem Krieg überhaupt erreicht habe, erklärte er schließlich: „Wäre die Ukraine nicht entschieden gewesen, in die Nato zu gehen, hätte nach meiner festen Überzeugung Putin auch keinen Krieg geführt.“ Die Reaktionen auf das Interview folgten dann auch prompt. Kurz nach der Sendung meldete sich der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, zu Wort. Auf X kritisierte er: „Ex-perten bei Illner vergiften die Debatte mit russischen Narrativen“, schrieb er und spielt darauf an, dass Dohnanyi längst nicht mehr in der Politik aktiv sei. Und Blick auf Claudia Major ergänzte er: „Liebe Claudia Major – ich habe noch das Antidot. Brauchst du es?“ Thematisiert wurde auch, warum die Redaktion von „Maybrit Illner“ nicht entschieden habe, das Interview im Giftschrank zu belassen. Schließlich war es aufgezeichnet worden, die Aussagen also vorher bekannt. Doch vermutlich sah man es so wie Wirtschaftswissenschaftler Rüdiger Bachmann, der ebenfalls in der Runde gesessen hatte. Auch er ging nach der Sendung auf Distanz zu Dohnanyi. Der Ökonom erklärte auf X (verlinkt auf https://x.com/BachmannRudi/status/2062767090763714665?s=20) : „Es war auch im Studio schwer zu ertragen. Aber: in gewisser Weise hat sich dieser Mensch selbst entlarvt.“